Verfasst von: kopfgefickt | 12. September 2011

muster.

lachen, auch wenn das herz weint.

lächeln, auch wenn die seele sich sehnt.

stark sein, auch wenn man nichts anderes möchte als sich einrollen.

kämpfen, auch wenn man streicheln will.

weitergehen, auch wenn man ruhe braucht.

optimismus verbreiten, auch wenn man selbst nicht an das gute glaubt.

trösten, auch wenn man selbst den trost nötiger hätte.

halten, auch wenn man selbst keinen halt mehr findet.

schlafen, auch wenn der morgen verrät, dass der versuch erfolglos war.

hoffen, auch wenn neue enttäuschungen kommen.

vertrauen, auch wenn man oft getäuscht wurde.

kraft vortäuschen, die nicht da ist.

alte muster, alte masken. sie bahnen sich ihren weg zurück. und ich habe ihnen nichts entgegen zu setzen.

ich weiß nicht, wofür ich meine kraft zuerst aufwenden soll. das geld, das immer fehlt? die leute um mich herum, die mich nicht kennen? denen ich noch nicht vertraue, vertrauen kann? den kampf gegen behörden und andere windmühlen? den kampf um meine innere ruhe?

wo fange ich an? sie sagen: bei dir. tu dir was gutes.

was mir gut tun würde, wäre ein urlaub. dafür fehlt das geld.

was mir gut tun würde, wäre die lösung aller finanziellen probleme. woher nehmen und nicht stehlen?

was mir gut tun würde, wären arme, die mich nachts festhalten und mir sagen, dass alles gut wird.

was mir gut tun würde, wäre …. ruhe.

doch in meinem leben gibt es nur kurze verschnaufpausen. ich bin nicht herrin dessen, was mit mir passiert. immer wieder staune ich, wie sehr äußere umstände mich doch herumschleudern, gewalt über mich bekommen, mich erstarren lassen. in letzter zeit erstarre ich nicht mehr zur salzsäule, sondern ich werde wütend. kämpfe. und habe am ende das gefühl, völlig leer zu sein, auch wenn ich erfolge erringen kann. so ein tag ist heute. ich habe einen erfolg errungen, aber der triumph ist schnell verflogen. die dämonen der nacht warten schon in meinem bett, meine schultern und mein nacken kennen sie. ich bin das bild im lexikon neben dem begriff “spannungkopfschmerz”. er ist ein zuverlässiger begleiter. anfangs konnte ich mir einreden, es läge am schreibtischjob, aber mit den jahren funktioniert das nicht mehr. massagen bringen kurze linderung, wenn die triggerpoints gelöscht sind, dauert es manchmal eine woche, bis die spannung wieder da ist.

wo soll sie auch hin? ungelöst.

sie sagt, ich wirke entspannter. in diesem moment wird mir klar, wie wenig sie mich nach 1,5 jahren therapie kennt. und ich war immer kooperativ, habe nie verschwiegen, wollte ja, dass die therapie was bringt. als sie das sagt, sitze ich mit angespannten schultern und einem inneren gefühl des gehetztseins vor ihr. einem gefühl, das sich rational nicht erklären lässt.

ich kann nicht erklären, warum ich so fühle, wie ich fühle. sicher, der druck von außen hat wieder zugenommen. kontopfändung, rennereien zum finanzamt und zum jobcenter, zur bank. der kampf um das wenige geld, das ich überhaupt habe.

andererseits: ein neuer job. ein tolles team. menschen um mich herum, die mir zu verstehen geben, dass sie an mich glauben, ich ihnen wichtig bin. und ausgerechnet bei ihnen setzt der mechanismus ein, der mich schützen soll. ich blocke ab, innerlich, und ich merke es. ich versuche, eine distanz aufrechtzuerhalten. in meinen früheren firmen war ich von anfang an immer vertrauensselig, war auf gute kontakte und gute laune aus. jetzt? ich mache meinen job, bin freundlich und so verbindlich, wie es sich eben gehört. da sind menschen, die mir die hand reichen und ich will sie wegschlagen und sagen: lass das! ich mach das! so, wie ich es als kind immer gemacht habe.

dieses kind in mir… es bestimmt wieder mehr. seit der trennung, mit der dem kind das trauma von einst wieder angetan wurde, ist es wieder aktiver. es aktiviert alte muster. es schluckt und unterdrückt gefühle, um zu überleben. es setzt die starke “mach dir um mich keine sorgen”-maske auf, die früher wichtig war, um zu überleben und meinen bruder zu beschützen. es schottet mich ab, um seine kleine welt übersichtlich zu halten. es will auf den schoß, will weinen und getröstet werden und traut sich nicht, dies zu sagen. weil schwäche tödlich sein kann in seiner welt. schwäche bedeutet, die kontrolle zu verlieren und die ist wichtig, wenn man beschützen will. es will sich einrollen und die decke über den kopf ziehen, aber das traut es sich nicht, denn wer in der höhle sitzt, sieht nicht was draußen passiert. es will glauben, aber es wurde zu oft enttäuscht und kann nicht riskieren, dass dem kleinen was passiert. es muss doch aufpassen auf ihn!

das kind ist wieder da. es ist immer noch dreieinhalb jahre alt und es hat die seele eines erwachsenen. es kennt keine unbeschwertheit, kein befreites lachen und spielen, denn es muss immer aufpassen. es ist traurig und darf es nicht sagen. mama verlässt sich auf es, wenn sie nachts um die häuser zieht. wenn draußen ein gewitter tobt, ist das kind besonders aufmerksam, denn der kleine fürchtet sich. es hält seine hand und beruhigt, singt ihm lieder.

erinnerungen einer dreijährigen. erinnerungen, die sich nicht auslöschen lassen und immer lauter werden. wie bekomme ich dieses kind nur groß?


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